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Deutsche Fanconi- Anämie- Hilfe e.V.

Achim Heukemes
heil und gesund wieder zu Hause


YUKON ARCTIC ULTRA 2004
Willkommen Achim daheim und Herzlichen Glückwunsch
zum 3. Platz in der Gesamtwertung bei den Männern

Weiterleitung zur Homepage von Achim Heukemes
Foto: Deutsche Fanconi-Anämie-Hilfe e.V
Ausgewählte Zeitungsartikel:

à 06.03.2004 Freies Wort, Suhl

à 28.02.2004 Nordbayerische
Nachrichten, Forchheim

à 26.02.2004 Neue Presse, Bayern


28.2.2004
© NORDBAYERISCHE NACHRICHTEN
   
SPORT - FORCHHEIM UND UMLAND


Tage ohne Schlaf
Achim Heukemes lief beim „Yukon Arctic Ultra“ mit

Nordbayerische Nachrichten, Forchheim, Ebermannstadt

GRÄFENBERG — „Das war das Härteste, was ich je mitgemacht habe.“ Wenn das einer wie der 53-jährige Ultraläufer Achim Heukemes aus Gräfenberg, der immerhin schon Europa vom Nordkap bis Sizilien nonstop zu Fuß durchlaufen hat, über ein Rennen sagt, dann weiß man, was die 22 Ultraläufer zu erwarten hatten, die Mitte Februar an der Nordgrenze Kanadas zum „Yukon Arctic Ultra“ aufgebrochen sind. 300 Meilen durch winterliche Wildnis, durch scheinbar ewig lange, eiskalte Nächte mit Temperaturen bis unter minus 40 Grad, mit Schneestürmen und immer im Kampf gegen Müdigkeit, körperliche Erschöpfung und Erfrierungen. Elf Läufer sind auf der Teilstrecke des legendären „Yukon Quest“ der Schlittenhundegespanne von Whitehorse bis Pelly Crossings schließlich durchgekommen. Darunter als Ältester auch Achim Heukemes, der hinter dem Sieger aus Großbritannien Dritter wurde.



Nur acht Stunden Schlaf


Nach sieben Tagen und eineinhalb Stunden marschierte der Gräfenberger ins Ziel. „Von den vier Ersten hat in den sieben Tagen keiner mehr als acht Stunden geschlafen“, sagt der laufverrückte Heukemes, der an die Strapazen dennoch gerne zurückdenkt: „Das war ganz nach meinem Geschmack: Jeder Teilnehmer alleine für sich verantwortlich in einer absoluten Wildnis bei richtig schweren Bedingungen. Dazu eine beeindruckende Natur, die völlige Einsamkeit und eine absolute Stille. Viele bedrückt diese, mich fasziniert das, auch wenn man auf den Etappen zwischen den Rastplätzen 24, auch mal 30 Stunden nicht einen Menschen antrifft.“ Für den von den Veranstaltern wegen seiner bisherigen spektakulären Aktionen eingeladenen Achim Heukemes begann das Rennen nicht eben gut, als man bei milden null Grad („Die gehen da im T-Shirt einkaufen“) in White-Horse aufbrach. Schon auf der ersten Etappe ging sein Schlitten mit Ersatzkleidung, Nahrung und dem Überlebenspaket für 48 Stunden entzwei. Die Ladung wurde feucht, das eingedrungene Wasser fror und der Schlitten wurde schwer. Heukemes: „Ich habe unheimlich viel Zeit verloren.“ Am ersten Checkpoint in Braeburn waren es mehr als vier Stunden, die er auf Rang 14 zurücklag. Um den Zeitverlust aufzuholen, ging er die nächsten 72 Stunden ohne Schlafpause weiter.


Orientierung verloren


Doch es kam noch schlimmer. Fast wieder an der Spitzengruppe dran, wurden Heukemes und ein US-Boy, zu dem er aufgeschlossen hatte, von einem Blizzard überrascht. Nach einer Rast lief der Gräfenberger orientierungslos in die Gegenrichtung. Erst als ihm nach sechs Stunden ein Läufer aus Holland plötzlich entgegenkam, wurde ihm sein Verhängnis klar: Wieder zwölf Stunden verloren. „Mir sind alle Gesichtszüge runtergefallen. Ich war fix und fertig. Aber aufhören? Weiterlaufen musste ich sowieso und so blieb mir halt nichts übrig, als wieder zurückzulaufen.“ Auch wenn es immer kälter wurde, lief danach das Rennen für den Gräfenberger immer besser, obwohl er als einziger ohne Spezialschuhe in Wanderstiefeln unterwegs war und prompt Probleme mit den Füßen bekam. Ausgeglichen wurde dieser Nachteil durch Spezialkleidung und -unterbekleidung, die dem Gräfenberger die schwedische Firma Craft zur Verfügung gestellt hatte. „Nach sieben Tagen war meine Unterwäsche ohne jeden Wechsel immer noch völlig trocken“, zollt er dem für das Training der Ski-Langlaufasse entwickelte Material höchstes Lob. Erfreuliche Folge: Als einziger der elf „Überlebenden“ im Ziel musste Heukemes nicht mit Erfrierungen oder Unterkühlung ärztlich behandelt werden. „Während die anderen verarztet wurden, habe ich erst einmal eine heiße Schokolade richtig genossen.“
- BRUNO BROSTEAN


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26.2.2004
© NEUE PRESSE, BAYERN


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06.03.2004
© FREIES WORT, SUHL

BEIM HÄRTESTEN UND KÄLTESTEN RENNEN DER WELT
In sieben Tagen ohne Schlaf 480 Kilometer lang zwischen Wölfen und Wahn


Freies Wort,  Suhler Verlagsgesellschaft mbh & Co. KG

Extremsportler Achim Heukemes aus dem fränkischen
Gräfenberg legte in sieben Tagen 480 Kilometer in der
Wildnis zurück - angeschnallt an seinen Schlitten, mit
nur einer Handvoll Schlaf. Ab Minus 40 Grad gab die Skala
seines Thermometers keine Auskunft mehr. - Foto: Müller


VON ULLY GÜNTHER
Diese Nacht da draußen kam so fremd daher, so finster, so schweigsam. Unendlich andersartig als im dicht besiedelten Europa, wo allenthalben der bewölkte Himmel den Widerschein der Lichter auf die Erde wirft, und keiner diesen Abgrund aus Dunkelheit ermessen kann, in dem man die Hand vor seinen Augen nicht findet. Solche Nächte warten auf einen dort oben an der Grenze zu Alaska.

Bis 40 Grad reichte die Temperaturanzeige des Thermometers, das an seinem Schlitten hing. Aber die rote Skala gab jetzt keine Auskunft mehr. Darüber ärgerte er sich. Hätte er lieber nicht die paar Dollar gespart. Ein Thermometer hätte er kaufen sollen, das bis minus 50 Grad reichte. Waren es jetzt 42 Grad minus oder schon 45 Grad? Keine Ahnung. Er wusste es nicht.

Wer so jemand wie ihn jemals sehen würde auf Europas Straßen, der müsste ihn ohne weiteres für einen Verbrecher halten: Nur Sehschlitze für seine entzündeten Augen ließ die Maske frei. Wenn er ihren Stoff lüftete, brannte die Kälte wie ein Rasiermesser, das mit schnellem Schnitt quer übers Gesicht gezogen wird. Und 16 Stunden vollkommene Nacht. Geräuschlos. Nur hin und wieder, auf diesem schmalen Pfad durchs Fichtenholz, wie eine Explosion das Knacken eines Astes, den der schwere Schnee brach – dazu das Schaben seines Schlittens, den er hinter sich her zog. Nein, er schleppte sich so mutterseelenallein wie eine Menschenseele nur sein kann durch die Nacht – es war übrigens die Vierte von insgesamt sieben – in die nur der Kegel seiner Stirnlampe ein schmalbrüstiges Tortenstück aus Licht schnitt. Diesem Licht lief er hinterher und den bunten Reflektoren, die als einziges Zeichen der Zivilisation alle Meile an den Bäumen blinkten, um ihm den Weg zu weisen. Ein Mann, am Halfter seines Gepäckschlittens, dem 480 Kilometer Fußmarsch bevorstanden. Zwei Drittel davon durch stockfinstere Nacht.

Plötzlich tauchte dieses gelb glühende Augenpaar vor ihm auf. Vielleicht acht Meter waren es bis zu der Stelle, wo der Wolf wartete. Dann noch zwei Augen. Und noch zwei, die auf den Pfad einbogen. Und noch ein Augenpaar blitzte. Lautlos traten die Kumpels aus dem Dickicht. Auf einmal standen sie dort. Der dünne Eishauch ihres Atems umtanzte die Schnauzen, dahinter warteten die Augen. Vier Wölfe mit Wohnsitz Alaska hatten sich also auf der einen Seite des Arctic Ultra Trails aufgebaut – und acht Meter weiter dachte Achim Heukemes, schulterlange Dauerwellen, wolkenloses Gemüt für 360 Tage im Jahr, demzufolge die Verkörperung des Sonnenscheins – dieser Heukemes, aus Gräfenberg in der fränkischen Schweiz, dachte nun über den Nürnberger Zoo nach, wo ein solider Zaun zwischen Mensch und Tier die Lebensqualität der zweibeinigen Gattung deutlich hebt.

Eigentlich hat ein Franke auch nichts verloren im Norden Kanadas, vier Flugstunden von Vancouver Richtung Alaska, in dieser Ansammlung von Saloons, Tankstellen und Supermärkten namens Whitehorse – es sei denn, es steht für den Franken wieder einmal eine dieser wundervollen Torturen an, die unter der Vorsilbe „Ultra-“ firmieren und Leute herbeilocken, die am allerliebsten an der Grenze der eigenen Sterblichkeit herumoperieren. Ultra ist die Spezialdisziplin von Heukemes, der 1600 Kilometer in elf Tagen rennt – oder wahlweise 389 Kilometer in 48 Stunden, falls er gut gelaunt ist.

„Aber diesmal“, sagt er, ungläubig sein Lockenhaupt schüttelnd, „diesmal, das war das Härteste.“

20 Flugstunden sind es von Frankfurt zum Start oben bei Whitehorse am Yukon River, dessen Eisschicht ungefähr dreieinhalb Meter misst, als sich am 14. Februar um 12 Uhr die Teilnehmer des Yukon Arctic Ultra Race auf den Weg machen. Insgesamt sind es 22 Mann. Unter ihnen: Wilco, der holländische Riese aus Antwerpen. Rocky aus Fairbanks, bekannt als Kanadas extremster Mountainbiker. Steve, ein kahl geschorener Engländer, ein Italiener, ein Waliser, ein Guatemalteke und Startnummer 319, das ist der Achim aus Gräfenberg. Die Drei auf seiner Brust steht für die 300 Meilen, die er vor sich hat. Hinter sich auf seinem Schlitten hat er die vorgeschriebene Ausrüstung: Schlafsack, Isomatte, Kocher dabei. Und Trockenkekse, die für Arved Fuchs und Reinhold Messner entwickelt wurden, weil alle Supermarktware einem bei 40 Grad minus die Zähne aus dem Mund schlägt. Fleisch gefriert binnen Sekunden, Finger benötigen unwesentlich länger.

42 Kilometer führte ihr Weg auf dem Eis des Yukon nach Norden, dann bogen sie ab in jene dürre fichtengesäumte Gasse, die Schneemobile eigens zu diesem Zweck in die Wildnis gefräst hatten. „Bloß keine Panik.“ Shelleys Worte hallten in ihm nach. Die kleine drahtige Frau hatte die Teilnehmer am Ultra-Race vor dem Rennen in einem Schnellkurs auf mögliche Gefahrensituationen vorbereitet. „Stehen bleiben! Die hauen wieder ab.“

Heukemes stand in jener vierten Nacht so starr und stumm wie es nur indische Yogis vermögen, die beschlossen haben für den Rest ihres Lebens mit keiner Wimper mehr zu zucken. Nur unter den Eisbalkonen seiner Lider flackerten unmerklich die Augen. Er taxierte die Wölfe. Wölfe können cool sein bis zur Schäbigkeit. Binnen einer Minute hatten sie jedenfalls den ersten Franken in ihrem kanadischen Leben, jenen komischen Säulenheiligen aus Fleisch und Blut, als vollkommen ungenießbares Subjekt eingestuft – und ließen ihn links liegen.

Die Statue namens Heukemes verharrte für die anknüpfende Viertelstunde reglos. Allerdings wurde sie von einem merkwürdigen Nebel umfangen. Startnummer 319 dampfte. Sie wurde schüsselweise im eigenen Angstschweiß gebadet. Für unerträglich sich dehnende Minuten sandte das Nervensystem die Botschaft ans Kleinhirn: Wir sind in den Tropen, wir sind in den Tropen...

Als die Schockwellen verebbten, ließ Heukemes die Stirnlampe schweifen mit der Vorsicht eines Präzisionsroboters, der die Super-Zeitlupe einstudiert. Zarte Gleitbewegung: Zuerst ein unmerkliches Grad nach rechts, dann ein genauso unmerkliches Grad nach links, schließlich zwei Grad nach rechts – und so weiter. Die Wölfe waren verschwunden. Die rote Säule des Plastikthermometers auf seinem Schlitten zeigte 32 Grad minus.

Er sammelte sich. Er trank einen großen Schluck. Dann zog er weiter. Versteht sich, dass der Rucksack mit den zweieinhalb Litern Flüssignahrung wegen Vereisungsgefahr unter der Kleidung getragen wird. Ferner ist der Schlauch, der an die Lippen führt, anständig zu isolieren, sonst ergeht‘s dem Schlauch wie dem Zinken von Herrn Heukemes: Bildet sich eisiges Gekröse drin. Fühlt sich unterwegs an, die Ansammlung dort oben in der Nasenhöhle, wie ein solide wachsender Berg aus Glassplittern. Sind aber nur kleine Eiszäpfchen aus Blut, weil die Adern ein bisschen platzen. Schmerzhaft übrigens – weshalb der Ultraläufer das befreiende Gefühl auszukosten weiß, wenn in den warmen Hütten an den Kontrollpunkten sein Blut ins Taschentuch schießt. Dann spürt er: Jetzt tauen die Eiszapfen.


Alle 24 bis 30 Stunden gelangen die Teilnehmer des Arctic Ultra Race an eine Schutzhütte, in der die Veranstalter heißes Wasser für sie bereit halten und Suppe. Manche schlafen dort ein paar Stunden. Aber wer ordentlich schläft, schafft die 480 Kilometer und die 12 000 bis 14 000 Höhenmeter niemals in der vorgeschriebenen Zeit von acht Tagen. Achim Heukemes schnitt sich also nur mit der Schere die abgelösten Hautlappen von den Füßen, verklebte alles sorgsam mit diesem Brandschutzpflaster, über das er ins Schwärmen geraten kann, weil es sich so elegant an jede Hautbiegung schmiegt. Zuletzt füllte er seine Thermoskannen – und weil Steve, der kleine gedrungene Engländer auch abmarschbereit war, zogen sie gemeinsam los, ein paar Stunden den Wildnispfad entlang, der stets wirkt wie eine Spalte, die sich hinter dem eigenen Rücken wieder schließt, sobald man durch ist. Als würde einen der Wald verschlucken. Sie gingen vorwärts, bis ihre Stirnlampen den Vorhang aus Schnee nicht mehr durchdringen konnten. Sichtweite: eine Armlänge. Keine Chance voran zu kommen.

Zeit für eine oder zwei Stunden Schlaf. Steve rollte seinen olivgrünen Biwaksack aus. Achim aus Gräfenberg ließ sich auf seinen Schlitten fallen, die Kälte würde ihn bald wecken. Steve schnarchte friedlich in seinem überzuckerten Biwaksack, während Achim eine Stunde später zum Aufbruch rüstete. Der Schneefall hatte nachgelassen. Ob sie zusammen weiter durch die Nacht gehen, fragte er den Engländer noch. Steve schüttelte den Kopf. Er lag vor dem Schlitten von Heukemes und irgendwie kam diesem das seltsam vor, weswegen er jetzt an Shelley dachte. Bloß keine Panik. Es war die fünfte Nacht – Heukemes war seit knapp 120 Stunden auf den Beinen, höchstens drei Stunden hatte er bis dahin geschlafen. Woher waren sie gekommen? In welche Richtung sollte er gehen? Steve schnarchte. Heukemes wollte weiter. Sein Gehirn arbeitete mit der Exaktheit eines Mixers, der jeden klaren Gedanken zu Brei rührt. Wenn ihr euch im Wald hinlegt, dann merkt euch, in welche Richtung euer Schlitten zeigt. Falls ihr zu zweit seid, merkt euch auch, wo der andere sich hingelegt hat. Shelley hatte sie gewarnt.

Heukemes achtete nicht auf die Richtung, in die sein Schlitten zeigte. Steve hatte sich hinter ihm hingelegt. Soviel wusste er noch. Also musste er jetzt in die Richtung, wo Steve nicht lag. Das war der Trugschluss. Der müde Mann mit der Nummer 319 drehte seinen Schlitten und marschierte in jene Nacht, in der frischer Schnee alle alten Spuren verwischt hatte. Der Schnee wollte nämlich die Bühne neu ausstaffieren in seinem weißen Theater der Illusionen. Heukemes hatte über die Trugbilder gelesen – und gelacht.

Wow! Plötzlich waren sie da. Ganz klar, da standen die Leute. An der Haltestelle ein paar Meter vor ihm. Warteten dort auf den Bus. Wo sie hinfahren mochten um diese Zeit? Nur zwei, drei Schritte noch... Und zack, Zauberei – ein Blinzeln verwandelte die Menschen an der Bushaltestelle in stumme Bäumchen. Irre oder? Splitter von Heukemes Lachen krachten heiser im Wald. Und dort. Schon wieder ein Haus. Kinder spielen davor. Ein paar Schritte... Zack, der Wald blieb übrig.

Jetzt war er dankbar für das Buch, weil er wusste: Alles im grünen Bereich. Ich spinne nicht. Auf seiner Couch in Gräfenberg hatte Heukemes von den Visionen gelesen, die Dieter Kreutzkamp beschrieben hat. Zwei Jahre war der Abenteurer auf den Husky Trails unterwegs und sah immer wieder Szenen in der Nacht, die nicht existierten. Heukemes hatte sich amüsiert auf seiner Couch. So ein Spinner, der Kreutzkamp, hat er gedacht.

Nun leistete er insgeheim Abbitte. Dass eigentlich Reflektoren an den Bäumen hätten sein müssen, die ihm den Weg zeigten, hatte er vergessen im Kino der Illusionen. Und als das Licht in der Ferne auftauchte, hielt er es für die nächste Fata Morgana. Aber das Licht wackelte. Es kam näher.


Ein Ultra-Läufer? Nein, nein, ein Läufer kann das nicht sein. Die marschieren alle in dieselbe Richtung, redete sich Heukemes ein – die marschieren nach Norden wie ich. Beim besten Willen, ein Ultraläufer war das nicht.

Mensch, dachte Heukemes – blitzartig schoss ihm die Erleuchtung in den Kopf im Winterwalde zu Alaska – Mensch Achim, juhuh, juhee, da kommt dir doch glatt ein echter Trapper entgegen. Hast du ein Schwein mit deinen 53 Jahren und triffst einen Trapper.

Das Licht vor ihm machte halt. Zwei Stirnlampen guckten sich an. Sagte die eine Stirnlampe zur anderen: „Achim, was machst du denn hier?“

Die andere Stirnlampe antwortete: „Wilco, was machst du denn hier?“

„Achim, du gehst in die falsche Richtung,“ sagte der Riese aus Holland.

„Nein Wilco. Ich bin genau richtig aufgestanden.“

„Dann zeig‘ ich dir jetzt einen Kompass und du, Achim, schaust genau auf diese Nadel.“

Der Schein zweier Stirnlampen vereinigte sich über einer Kompassnadel. Wilco aus Antwerpen leuchtete von weiter oben, weil er fast zwei Meter misst.

„Diese Nadel“, sagte der Holländer zu Achim aus Gräfenberg, „zeigt, dass ich, Wilco, in Richtung Alaska gehe.“

Bevor er fortfuhr, legte Wilco tröstend die Hand um Achims Schulter.

„Und du mein Freund gehst nach Süden. Aber mach‘ dir nichts draus. Du drehst jetzt um, und gemeinsam gehen wir auf deinem Weg zurück.“

Im nächsten Kontrollpunkt, wo Heukemes bereits als vermisst gemeldet worden war, saß noch Steve, der Engländer. Er hatte unbequem gelegen in jener Nacht während des starken Schneefalls – und deshalb war er noch einmal aufgestanden und hatte seinen Biwaksack auf der anderen Seite von dem Schlitten aufgeschlagen, auf dem Heukemes schlief.

Die Liste der Durchgangszeiten am Kontrollpunkt zeigte Achim Heukemes, dass er sechs Stunden in die falsche Richtung gegangen war wegen Steves kleinem Ortswechsel beim Biwakieren. „Ich muss“, so murmelte Heukemes, „sofort weiter.“ Er ließ Steve und Wilco zurück und zog seiner sechsten Nacht entgegen. 16 Stunden Dunkelheit, über 40 Grad minus. Irgendwann ließ er sich nach hinten fallen auf seinen Schlitten. Kippte einfach um, sah noch ein paar Sterne am arktischen Firmament kreiseln und war weg. Lag – komplett platt – dort draußen auf dem Yukon, das Gesicht dem Himmel zugewandt, der Fliegenschiss aus Franken im Eis von Alaska. Wer ihn näher betrachtete, konnte seine abgespreizten Glieder erkennen, wie sie lose am Schlitten herabhingen. Eine Schildkröte im schweren Koma sieht so aus. Aber die Lider zuckten noch, weil ihm gerade kostenlos und privat eine Kinovorführung geboten wurde. Sein Traum zeigte Männer mit dicken Handschuhen, wie sie an einem Körper zerrten. Unter keuchenden Atemstößen mühten sie sich, die wächserne Menschenlarve mit der Nummer 319 anzuheben, aber verdammt war die schwer. An ihrem Rücken hing der Schlitten. Er war dort festgefroren. Nummer 319 klebte an diesem Schlitten wie sein ewiger Gefangener. Bei der Szene fuhr Heukemes dermaßen der Schrecken in den Hirnkasten, dass er aufwachte. Auch wenn der Yukon ein legendärer Todesort ist, als Mumie im Eis wollte er nicht enden. Nicht so fern von Gräfenberg. So fern von Eva, die dort auf ihn wartete.

Nach sieben Tagen, einer Stunde und 30 Minuten – nach nur acht Stunden Schlaf in dieser langen Woche – taumelte Achim Heukemes ins Ziel, in einem Ort namens Pelly Crossing, einer Ansammlung von rund 40 Bretterbuden. Das Ziel wurde veredelt von einem Banner, das sich quer über einen Hinterhof spannte. Und daneben stand ein altes grünes Ölfass.

In einer der Bretterbuden war das Lazarett eingerichtet. Elf von 22 Teilnehmern kamen durch beim Yukon Arctic Ultra Race. Heukemes belegte einen unwichtigen dritten Platz in der Männerwertung, wurde aber Sieger in der Kategorie: Angekommen ohne Erfrierungen. Einen Abend später, beim Abschiedsfest, saßen alle Teilnehmer beisammen. Rocky aus Fairbanks, durchgeknalltester Mountainbiker Nordkanadas, beugte sich hinüber zu Achim aus Gräfenberg.

„Hey Achim. Ich hab‘ noch was für dich. Kennst du Nome? “

Kopfschütteln bei Heukemes. Kannte er nicht.

„Es gibt ein Rennen“, flüsterte Rocky, „von Nome nach Anchorage. Da fliegen sie dich hin, 1000 Meilen weit ins Eis – und dann läufst du den ganzen Weg zurück, die 1000 Meilen. Ganz allein.“

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08. März 2004